Stellen sie sich einmal Folgendes vor: Ein älterer Herr stiehlt in einem kleinen Laden eine Packung Kaugummi. Einfach so, völlig ohne Grund. Und ist der Meinung, dass ihm das ganz natürlich zusteht. Die Vertreter der großen Printmedien kommen angestürmt, um über den Vorfall zu berichten. Was trieb den Mann zu seiner Tat?
Der volkswirtschaftliche Schaden durch diesen Diebstahl ist natürlich lächerlich gering. Das wissen die Medienvertreter, es wird allerdings auch nicht gerade groß herumposaunt. Stattdessen stürzt man sich auf die zahlreichen Konsequenzen, die daraus resultieren. Ein Dammbruch wird befürchtet, dass bald alle älteren Männer aus Solidarität mit dem Herren Geschäfte um eine Kaugummipackung ärmer machen. Überhaupt, wo soll dass ganze enden? Wer weiß denn, ob Männer, die bereit sind, Kaugummipackungen zu stehlen, nicht auch noch weiter gehen würden? Auf jeden Fall darf man keinem dieser Herren mehr glauben, denn alles, was sie von sich geben, gewinnt unter dem Licht des Kaugummidiebstahls gleich eine ganz andere Bedeutung. Getragen wird die Kaugummi – Ideologie nämlich mit dem Streben nach der Weltherrschaft.
Das Thema beherrscht wochenlang die Schlagzeilen. In einem kleinen Artikel allerdings, irgendwo zwischen den Seiten verloren, berichtet ein noch junger Reporter, der das Geschäft noch nicht gewöhnt ist, über ein Vorfall, der gleich nebenan geschah, seltsamerweise aber überhaupt kein Presseecho hervorrief. Dort hatte ein junger Mann aus einer ärmeren Familie in einem riesigen Kaufhaus mehrere Menschen erschossen. Auch er hielt seine Tat für völlig gerechtfertigt, genossen doch die Menschen, die dort einkauften, ein viel besseres Leben als er.
Der junge Journalist wurde daraufhin schwer gerügt von seinen Kollegen, sogar sein Rausschmiss schien sehr wahrscheinlich. Ein älterer Kollege erbarmt sich schließlich, ihm die Situation zu erklären: “Du musst immer bedenken, dass dieser Täter einen anderen Hintergrund hat als wir. Für ihn gelten einfach andere Regeln als für uns, und das ist auch gut so. Schließlich fördert das die Bandbreite an verschiedenen Kulturen. Außerdem lenkt dein Artikel vom Hauptschuldigen ab, dem Kaufhausbesitzer nämlich, der die Frechheit besaß, den jungen Mann durch die Zurschaustellung seines Reichtums zu beleidigen.”
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Wer wissen möchte, wie Religionskritik bei meinen atheistischen Kollegen in der Regel aussieht, der tausche in der oberen Geschichte einfach die Rolle des älteren Herren mit dem Katholizismus (oder dem Papst) und den jungen Straftäter mit, na, welcher Religion? Normalerweise heißt das Unverhältnismäßigkeit, bei uns ist das “säkularer Humanismus”.
P.S. Funktioniert auch mit offener und totalitäre Gesellschaft!