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Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter hat dem Spiegel vor Jahren ein Aufsehen erregendes Interview gegeben, dass ich kürzlich entdeckt habe. Es geht dabei um die Frage, wie man mit Terroristen umgehen sollte, insbesondere, wenn sie von uns verlangen, uns an Regeln zu halten, die sie selbst verachten. Seine Forderung sind oft sehr krass – zum Beispiel, dass wir uns in Extremfällen nicht an die Regeln des Rechtsstaates halten können, wenn wir überleben wollen- gleichzeitig allerdings ist es eine sehr eindringliche Mahnung an die bisherige europäische Appeasement – Politik.
Zunächst geht es hier um Mohammed Bouyeri, der im Jahre 2005 den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh ermordete. De Winter erklärt an seinem Beispiel die Grundhaltung der islamischen Welt:
Bouyeri lebt in einer imaginären, mittelalterlichen Welt. Zu dieser Zeit war das Leben nichts wert, es war nur das Vorspiel zum Tod. Auf der Erde gab es nur Armut, Angst und Krankheiten, das Leben war kurz und beschwerlich, die Leute starben, wenn sie 30 wurden oder wenn sie die Grippe bekamen. Schön wurde es erst danach – im Himmel, bei Gott. Und dieser Junge, der hier in Amsterdam aufgewachsen ist, hat nach den Vorstellungen des Mittelalters gelebt. Wir reden hier nicht über einen Verrückten oder einen totalen Außenseiter, wir reden über einen, der mitten unter uns gelebt hat. All das, was diese Gesellschaft an Freiheiten, an Gelegenheiten bietet, ist ihm egal.
Ich möchte nicht behaupten, dass alle Muslime in Europa so denken. Im Gegenteil leben hier die am meisten liberalen Gläubigen. Aber diejenigen, die sich noch immer nicht aus ihren uralten Denkmustern gelöst haben, stellen eine echte Bedrohung für uns da, wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben.
Die Problematik, dass die Terroristen geistig noch im Mittelalter leben, spielt auch für die Außenpolitik eine große Rolle. Ist es überhaupt möglich, sich in so einem Konflikt an die Regeln zu halten, die der Gegner nicht akzeptiert? De Winter verneint das
Reguläre Armeen können mit dem Terrorismus nicht fertig werden und reguläre Gesetze taugen nicht für die Bekämpfung und Bestrafung der Terroristen. Die machen, was sie wollen, und wenn sie dabei erwischt werden, verlangen sie, dass man sie nach den Regeln behandelt, die sie verachten und die sie nie praktizieren würden, wenn sie das Sagen hätten. Das ist das große Handicap von Demokratien und Rechtsstaaten: Die Terroristen wissen, dass diese sich an die Spielregeln halten, auch im Extremfall.
Vielleicht kann man diese Lage mit der der Alliierten im Zweiten Weltkrieg vergleichen: Sicherlich war die Bombardierung deutscher Städte grausam und – da sie nicht gezielt gegen das Militär, sondern gegen die Zivilbevölkerung richtete- vom demokratischen Standpunkt aus zu verurteilen. Allerdings denke ich auch, dass sie wohl nötig waren, um den Kriegswillen der deutschen Bevölkerung zu brechen. Man stelle sich vor, jeder Angriff der Alliierten wäre in der Heimat von einem Untersuchungsausschuss beurteilt worden. Wahrscheinlich wäre der 20.04. heute noch nationaler Feiertag.
Besonders scharf greift der Autor die europäische Strafjustiz an, die sich viel zu sehr mit den Tätern solidarisiert und ihre taten durch schlechte Umweltbedingung zu entschuldigen sucht:
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es einen verurteilten Kindermörder, der sich jetzt an den europäischen Gerichtshof gewandt hat, weil ihm nach seiner Festnahme mit Folter gedroht wurde.
De Winter: Das ist pervers. Genauso wie die Sorgen des Roten Kreuzes oder von Amnesty International über die Haftbedingungen für Saddam Hussein. Wir müssen begreifen, worauf es ankommt: dass wir als Individuen und als Gesellschaft am Leben bleiben. Sonst haben alle anderen Freiheiten keinen Sinn. Ich kann nicht die Pressefreiheit genießen, wenn ich tot bin, ums Leben gekommen bei einem Terroranschlag. Das klingt banal, aber das ist der Kern der Sache.
Der Terrorismus funktioniert eben nicht nach dem Schema der armen, arbeitslosen und benachteiligten Jugendlichen, der in der deutschen Strafverfolgung als Allheilmittel für jedes Verbrechen dient. Es sind nicht unbedingt die Menschen aus der mittellosen Unterschicht, die Flugzeuge ins World Trade Center fliegen, es sind wohlhabende, gebildete Leute, die in Europa studiert haben und BMW fahren.
Wir können den Terrorismus nicht mit konventionellen Modellen wie Armut, Unterdrückung oder Mangel an Perspektiven erklären. Sie reichen aus, um die Aggressivität von arbeitslosen Jugendlichen zu analysieren, nicht aber das Verhalten von Terroristen, die bereit sind, eine Kathedrale, den Vatikan oder einen Atomreaktor in die Luft zu jagen. Aber wir tun trotzdem so, als hätten wir es mit benachteiligten, schwer erziehbaren Jugendlichen zu tun, weil wir uns zumindest auf diesem Gebiet gut auskennen. Und deswegen fragen sich jetzt wieder alle, ob in England, in Deutschland oder hier bei uns in Holland: Was haben wir falsch gemacht, dass die so geworden sind? Viele fragen sich: Wer hat diese vier verführt? Wer war es, der sie einer Gehirnwäsche unterzogen hat? Dahinter steckt die Überlegung, dass sie nichts dafür können. Aber diese jungen Männer waren nicht dumm, sie waren nicht ungebildet, sie waren nicht arm. Sie haben eine böse Idee in die Tat umgesetzt, weil sie es wollten.
Ich kann nur empfehlen, das Interview komplett zu lesen, auch wenn einem die pessimistischen Zukunftssicht de Winters nicht unbedingt ermutigend erscheint. Noch ist es nicht zu spät. Wir können gewinnen, wenn wir unseren Glauben an die Demokratie, die Menschenrechte und die Freiheit genauso überzeugt vertreten wie die Djihadisten ihre Vision von einer islamischen Welt.