
Über jeden Zweifel erhaben. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Atheist-Badge-Bronce.png
(UPDATE) Alle, die sich bei dem Titel schon Sorgen (oder Hoffnungen) machen, muss ich leider enttäuschen. Ich bin nicht bekehrt worden. Auch nicht ein bisschen. Aber es ist höchste Zeit, Alarm zu schlagen in einer Szene, die sich in ihre dogmatischen Selbstüberzeugung bald mit der katholischen Kirchen messen lassen kann.
Es ist schon beinahe skurril, dass ich als dezidierter Atheist/Naturalist einen Beitrag, der sich kritisch mit Atheisten auseinandersetzt, vor einem Beitrag zur Religionskritik (wenn man die Seitenhiebe in anderen Artikeln mal raus lässt) veröffentlichen. Das hat weniger damit zu tun, dass ich der Religion gegenüber inzwischen positiver eingestellt bin (weit gefehlt!), sondern vielmehr damit, dass die Gottlosen mir zunehmend suspekt werden, zumindest deren Mainstream.
Atheisten haben den Gläubigen eines voraus: Sie haben erkannt, wie unwahrscheinlich deren Götter sind, weil sie sich bei der Gretchenfrage nicht von Hoffnungen und Wünschen, sondern von Argumenten leiten ließen. Irrtümlicherweise sind viele von ihnen deswegen aber der Meinung, sie hätten die Vernunft gepachtet und liegen insofern bei jeder Einschätzung richtig. Dabei ist die religiöse Ideologie nur eines von vielen unreflektierten Memkonstrukten. Ungläubig zu sein bedeutet eben nicht, dass man auf jedem Gebiet nur den Verstand walten lässt.
Mir sind dabei hauptsächlich zwei Dinge aufgefallen, die mit nichts anderem Denkfaulheit erklärt werden können. Eines davon hat mit Politik zu tun, dass andere mit den Adressaten ihrer Kritik.
Die meisten Atheisten kommen aus der politisch linken Szene. Da die Linken generell ein Problem mit Autoritäten haben (außer natürlich dem Diktatoren – Fanclub der UN), ist sie oft am aktivsten, wenn es um Kritik an der Kirche geht.
Natürlich legen diese Leute ihre politische Meinung nicht ab, wenn sie zu Atheisten werden. Das hat dann zum Teil skurrile Folgen, wenn sie einerseits die Bevorzugung der Kirchen in Deutschland angreift, andererseits aber Islamkritikern den Mund verbieten möchte. Andere traurige, typisch linken Ansichten zum Sozialstaat (muss immer weiter anwachsen), zur Kriminalität (schlimme Kindheit), zur Außenpolitik (runder Tisch mit Diktatoren), Kulturrelativismus und so weiter und so fort. Wer Gläubigen also vorwirft, sich nie mit der Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes auseinanderzusetzen, muss auch mal seine eigenen Ansichten hinterfragen, die oft genauso wenig durchdacht sind.
Das zweite Problem ist die extreme Fokussierung auf das Christentum, genauer: auf die römisch -katholische Kirche. Es ist sonnenklar, dass es in Deutschland Handlungsbedarf im Bezug auf die massive Bevorzugung der beiden Großkirchen gibt (Kirchensteuer, Finanzierung von Caritas, Bischöfen u.a., Religionsunterricht, usw.), aber das ist sicherlich nicht unser ärgstes Problem. Wenn von einer Religion wirklich Gefahr ausgeht, dann ist das der Islam. Auch das Anwachsen des evangelikalen Christentums stellt keine derartige Bedrohung dar. Der oft gebrachte “Abortion clinic bombers”- Vergleich kann noch nicht mal mehr als hinkend bezeichnet werden:
- Islamic terrorists have killed 60,000 people over the last 6 years.
- Abortion clinic bombers have killed 7 people over the last 35 years.
- Islamic terrorists have killed 5 million people over the last 35 years.
Von hier.
Trotzdem wird von den “Humanisten” vor allem und mit größtmöglichem Einsatz das Christentum angegriffen. Gut, da braucht ma ja auch keine Angst zu haben, dass die einem was antun, die Zeiten sind längst vorbei.
Ein gutes Beispiel hierfür ist das Magazin wissenrockt! . Ich habe es früher gern gelesen (heute immer noch ab und zu), aber sie sind sehr einseitig und langweilig geworden. Mittlerweile wird dort alles veröffentlicht, Hauptsache, es stammt von einem Atheisten oder kritisiert die Katholiken. Darauf sind die dann meist superstolz, ist ja auch ziemlich mutig, ähnlich wie die Linken, die sich so viel auf ihren Antifaschismus einbilden. Seit Wochen lassen sie sich dort über kaum etwas anderes aus als die Papstrede im Bundestag (hier und hier und hier und hier und hier (der ist besonders dämlich)), als ob damit der Untergang der Demokratie bevorstehe. Natürlich darf man auch nicht vergessen, in jedem Artikel zu erwähnen, dass Joe Ratzinger ein fundamentalistischer Theologe ist. Der sprengt zwar keine Busse in die Luft, aber dafür dürfen ja Frauen auch keine Priester werden.
Wenn man Spaß haben will, muss man mal die Seite besuchen und einen prominente Chef-Atheisten kritisch reflektieren. Ich habe in einem Artikel, der etwas mit Judenhass zu tun hatte, mal geschrieben, dass Antisemitismus keinesfalls ein Phänomen unter rechten Christen sei, sondern im Gegensatz weit verbreitet. Als Beispiel (nicht gesichert) führte ich Richard Dawkins an, mit Verweis auf eine entsprechende Diskussion. Die Antwort kam prompt:
Was hier “erschreckend” ist, ist Ihre schlecht getarnte kreuz/kath.net Propaganda. Dawkins positioniert sich gegen die Erfinder, Förderer und Nutznießer des Antisemitismus, namentlich die christlichen Kirchen. Ihre unverschämte, ehrabschneidende Verleumdung, die Sie mit keinem einzigen Argument untermauern (wie auch?), findet sich auf jeder bekannten theo-faschistischen Seite im Netz. Und in den hassgefüllten Köpfen derer, die unseren Planeten nur als Scheibe begreifen können.
(Meine Beiträge zu der Diskussion wurde inzwischen gelöscht. Immer ein gutes Zeichen.)
Oh weh, ich hatte den Propheten Richard angegriffen. In dem Satz steckt eigentlich alles drin: Hass vor allem (oder nur) auf die Christen, willkürliche Anfeindungen sowie das Ignorieren von unbequemen Tatsachen (mein Link zählte aus mir nicht bekannten Gründen nicht). Gut gebrüllt, Löwe.
Was bleibt festzuhalten? Atheismus ist keine Ideologie oder politische Philosophie. Es ist nichts weiter als eine Ansicht zu der Frage, ob Gott existiert oder nicht. Deswegen ist das Spektrum der Atheisten auch so breit gefächert, gehören die schlausten Menschen und die brutalsten Diktatoren dazu. Auf dieser Grundlage kann man recht wenig aufbauen.
Atheismus der erste Schritt auf einem Weg hin zur Vernunft, nicht mehr und nicht weniger. Nur weil man diesen getan hat, weiß man noch lange nicht alles besser. Ideologien lauern auch anderswo.