Gedanken zu Gauck
Unverhofft kommt oft, sagt der Volksmund. Und absolut unerwartet kam für mich die Nominierung des ehemaligen Pastors, DDR-Bürgerrechtlers und Chefs der Stasi-Unterlagenbehörde Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten durch ein parteiübergreifendes Bündnis aus CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen, nachdem er vor knapp zwei Jahren noch an Christian Wulff gescheitert war. Wie konnte es passieren, dass sich dieser Mann, der sich so deutlich und unerschrocken gegen den politischen Zeitgeist wendet, zum Konsenskandidaten der vier größten demokratischen Parteien Deutschlands werden?
Nach dem Rücktritt von Horst Köhler im Jahr 2010 war es ausgerechnet Sigmar Gabriel, der Gauck als “Kandidaten der Mitte” aus der Traufe hob. Dass dies damals nicht mehr als eine machtpolitische Posse war, ein Möglichkeit, um die angeschlagene Regierung Merkel weiter unter Druck zu setzen, ist nicht nur aus der Rückschau offensichtlich; zu krass sind die weltanschaulichen Differenzen zwischen dem liberalen Rostocker und Linkspopulisten Gabriel. Aber er war eben einer, bei dem die Hoffnung bestand, große Teile der Regierungskoalition zur Abweichung von der Parteilinie zu bewegen, was auch beinahe erfolgreich gelang. Damals scheiterte das Unternehmen vor allem am Widerstand der Linkspartei, die einmal mehr ihre DDR-Wurzeln offenbarte.
Und heute? Mit ziemlicher Sicherheit wird aus dem designierten Präsidenten auch ein gewählter Präsident werden. Und versetzt man sich einmal in dieses seltsame Spiel der Politik hinein, ist diese Wahl in der Retrospektive gar nicht mehr so überraschend. Einzig mit der Standhaftigkeit der FDP, die dieses Mal nicht wie oft zuvor unter dem Druck der Öffentlichkeit oder des Koalitionspartners zusammenbrach, sondern früh die Weichen für Gauck legte, rechneten wohl nur die kühnsten Optimisten. Alles weitere war dem Zwang der primären Politikertugend Glaubwürdigkeit geschuldet.
SPD und Grünen blieb aus zwei Gründen kaum eine andere Wahl: Erstens musste verheimlicht werden, dass die Nominierung Gaucks vor zwei Jahren nicht aus inhaltlicher Überzeugung zustande kam, zweitens galt es, erneut zu unterstreichen, dass Markels Entscheidung für Wulff ein Fehler gewesen war. Die CDU schließlich, die gegen die Übermacht des gelb-grün-roten Bündnisse in der Bundesversammlung mit einem eigenen Kandidaten schlecht Chancen hatte, gab nach, wohl auch, um den ohnehin bröckelnden Koalitionsfrieden nicht noch mehr zu zerrütten.
Doch unabhängig davon, unter welchen seltsamen Umständen Joachim Gauck schließlich ins Schloss Bellevue einziehen wird, ist er wohl der beste Präsident, der in dieser Situation verfügbar war. Er steht wie kaum ein anderer für Freiheit, Eigenverantwortung und das Prinzip Hoffnung, dass die Gerechtigkeit zuletzt doch die Oberhand behält. Auch wenn damit der Staat, dessen Oberhaupt er dann sein wird, als ein System institutionalisierter Gewalt und Unterdrückung nicht verschwinden wird, besteht doch die berechtigte Hoffnung, dass er sich im Laufe der Zeit -wenigstens in Ansätzen! – vom regulatorischen, bürokratischen Monstrum zur erträglichen Version des Minimalstaats zurück entwickeln wird.
